Gesund bleiben – auch psychisch

Als strange days bezeichnete Patrice Fuchs kürzlich die aktuelle Situation. In der Tat fühlt sich für mich vieles sehr seltsam an. Da ist einmal der Alltag. Damit meine ich nicht den persönlichen, denn damit bin ich kaum allein, sondern der ist für alle ordentlich durcheinander geraten und für sehr viele sogar völlig aus den Fugen. Nein, ich meine den medialen Alltag. Zum Beispiel die Nachrichten.

Dass diese von Corona dominiert sind, ist völlig verständlich. Dass es ein großes Informationsbedürfnis gibt, ebenso. Nur was man im Fernsehen täglich zu sehen bekommt, muss ja geradezu depressiv machen. Da sind einmal die neuesten Nachrichten aus besonders betroffenen Ländern. Dann kommen die obligatorischen Zahlen – allerspätestens bei den neuesten Todeszahlen bin ich den Tränen nahe. Und sollte ich da noch nicht komplett in die Depression abgerutscht sein, dann sorgen die Wirtschaftsnachrichten definitiv dafür. Da hilft es leider nur wenig, wenn Berichte über solidarische Aktionen eingestreut werden, auch wenn mir diese natürlich sehr wohl wieder ein Lächeln ins Gesicht zaubern.

Immer wieder frage ich mich: wie soll man das auf Dauer aushalten? All diese schlechten Nachrichten, die sich über all die individuellen Ängste legen? Noch dazu, wo durch Corona für uns alle zwei sehr existenziellen Ängste zusammenkommen: erstens jene um das eigene Leben sowie das der Lieben, zweitens jene um die wirtschaftliche Existenz. Als wäre das nicht genug, kommt der Verlust gewohnter sozialer Beziehungen dazu.

Jetzt, wo ich mir das einmal so richtig bewusst mache, muss ich anmerken: es ist wahrlich bemerkenswert, wie wir als Gesellschaft damit bisher umgehen. Und doch ist mir einiges fremd. Insbesondere diese ständige Konfrontation mit diesem Thema.

Nun wäre ich eine schlechte Journalistin, würde ich mich all den Fakten verweigern. Das tue ich auch nicht. Doch halte ich mich nicht für eine schlechte Journalistin, nur weil ich nicht Tag und Nacht nur mit dem Thema beschäftige und nicht nach jeder Sondersendung und Talkrunde lechze. Denn erstens ist der Erkenntnisgewinn oftmals sehr beschränkt. Zweitens kann man sich auch in etwas so sehr verbeißen, dass man jene Distanz verliert, die für eine ausgewogene Berichterstattung so wichtig ist. Drittens ist es für die Seele, Psyche, das Herz – wie auch immer man das nennen will – ganz sicher nicht gesund, wenn man sie ständig mit einem Thema konfrontiert, das für eine/n persönlich so enorm belastend ist.

Es ist sicherlich die intensive Erfahrung mit der Krebserkrankung und die Sterbebegleitung meines Vaters, die mich verändert hat. Angeblich gibt es – so zumindest wird es oft dargestellt – zwei Wege, mit solch existenziellen Situationen umgehen: sich dem stellen oder es verleugnen. Ich halte das für zu simpel, denn die Gefühlswelten von Menschen sind dafür zu komplex und auch zu widersprüchlich. Deshalb braucht es auch eine gesunde Mischung.

Dazu ein kleiner Exkurs: Schon im Sommer, bevor mein Vater starb, zeichnete sich im Grunde schon ab, dass er nicht mehr lange leben würde. Im Nachhinein weiß ich das. Damals aber war ich nicht bereit zu akzeptieren, dass die Lage unausweichlich ist – genauso wenig meine Mutter im Übrigen. Gab es denn nicht genug Beispiele, wo die Hoffnung und der Optimismus ungeahnte Kräfte mobilisiert haben? Und was bringt es, schon zu einem Zeitpunkt mit dem Schlimmsten zu rechnen, wo genau das vielleicht erst viel später eintreffen könnte? Kann man denn nicht auch krank vor Sorge werden?

Man mag das naiv finden, doch ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass diese Haltung uns stärker gemacht hat. Dazu eine weitere Rückblende: zu Silvester 2016/17 war mein Vater wieder zu Hause. Da war meiner Mutter und mir nun wirklich klar, dass er nicht mehr lange zu leben haben würde. Ich kann nur für mich sprechen: ich habe ganz bewusst versucht, mir diesen Gedanken zu verbieten.

Keine Frage, der hoffnungslos optimistische – oder naive? – Teil in mir wollte die Hoffnung nicht aufgeben. Vor allem aber rebelliere alles in mir, meinen Vater wie einen Todgeweihten zu behandeln. Denn wie soll man es denn aushalten, ständig an den nahenden Tod erinnert zu werden? Ihm selbst war das zu diesem Zeitpunkt ohnehin schon bewusst genug. Daran erinnert wurde er durch die regelmäßig fälligen Medikamente und die immer wiederkehrenden Schmerzen, die immer wieder Hausbesuche unseres großartigen Arztes nötig machten. „Es ist nicht leicht, mit diesem Damoklesschwert zu leben“, vertraute er mir einmal an.

Umso mehr fühlte ich mich in der Pflicht, für seine Psyche etwas zu tun – aber auch für meine eigene. Zwar informierte ich mich, doch ich gab mir auch ganz bewusste Auszeiten. Damals war ein sehr kalter und schneearmer Winter, am See also Spiegeleis.

Meine Mutter ermutigte mich glücklicherweise immer wieder dazu, eislaufen zu gehen. Nicht allein der Sport tat mir gut. Da ich gerne fotografiere, war ich auch ständig auf der Suche nach Motiven. Sprich ich konnte mein Hirn so richtig auslüften. Langer Rede kurzer Sinn: die Mischung aus „sich dem stellen“, die Hoffnung trotzdem nicht verlieren und Kraft durch Hirndurchlüftung schöpfen – sie hat mich durch die bisher schwerste Zeit meines Lebens getragen.

Zurück ins heute: es ist nicht so, dass ich mich den Nachrichten verweigere. Ganz im Gegenteil. Nur die Dosis macht das Gift. Wenn man andauernd nur mit einem Thema beschallt wird, das noch dazu an Existenz- bis hin zu Todesängsten rührt, dann ist das meiner Erfahrung nach nicht gut fürs Herz.

Wenn die Nachrichten nur ein Thema kennen, das nachfolgende Programm durch Corona-Sondersendungen ersetzt wird, das normale Vorabend- und Abendprogramm dauernd über den Haufen geworfen wird – dann wird man dauernd damit konfrontiert, dass alles anders ist. Somit werden auch die Ängste ständig wachgerufen bzw am Leben erhalten. Meine Mutter tickt ähnlich wie ich, die gemeinsame Erfahrung mit meinem Vater hat uns da sicherlich noch einmal mehr zusammengeschweißt. Auch sie ist sehr interessiert an Nachrichten, sie liest mehrere Zeitungen, die Journale auf Ö1 sind meist Fixtermine für uns, genauso die Abendnachrichten.

Zuerst war ich es, die stöhnte, wenn wieder Nachrichten auf dem Programm standen. Wenig später ging es auch ihr so: schon wieder nichts wie Corona! Die Nachrichten hier, eine Sondersendung da, eine extra Diskussionsrunde dort: das wurde uns schlichtweg zu viel. Ich habe in letzter Zeit einen Spleen entwickelt: Um 17 Uhr 10 schauen wir in den hohen Norden, genauer gesagt in den Tierpark Hagenbeck. Auf NDR ist da nämlich die Sendung Leopard, Seebär & Co. Lustige Tiere, sympathische MitarbeiterInnen und ein amüsanter Kommentar: die Sendung ist eine wunderbare Auszeit, auf die sich inzwischen auch meine Mutter freut.

Dies ist nur ein Beispiel für Dinge, die ich mangels Spiegeleis 😉 tue, um mich abzulenken. Deshalb bin ich oftmals immer noch traurig, deshalb spüre ich oftmals immer noch meine Ängste. Auch das ist wichtig. Man kann diese Gefühle nicht verdrängen, meistens sitzen sie einem sogar umso fester im Nacken, je mehr man das versucht. Sehr wohl aber kann man sie für eine Weile wegschieben, sie mit anderen Dingen überlagern. Dann ist es auch nicht mehr ganz so schlimm, wenn sie wieder an die Oberfläche kommen.

Sehen, riechen, genießen

Wenn man am Weißensee spazieren geht, kommt man nicht nur in den Genuss von allerlei wilden Naturschönheiten. Auch an Häusern und in Gärten kann man viele Blumen und Pflanzen bewundern. Gerade jetzt entdeckt man immer wieder etwas Neues, das aufblüht oder dessen grüne Blätter ans Licht drängen. Schon meine Großmutter hatte im Garten viele, viele Blumen. Dazu kam ein großer Gemüsegarten. Schon als ich Kind war, hat sie mich eingespannt, wenn es ums Umkrautjäten ging – Unkraut heißt im Übrigen „Jåt“ auf Kärnterisch. Nicht immer hat diese frühe Liebe, die ich zum Garten entwickelt habe, meiner Oma Freude bereitet. Als wir eines Tages nach der langen Fahrt von Essen am See ankamen, schnappte ich mir das „Kratzl“, also die Gartenkralle, und verschwand im Garten. Nichts ahnend ließ mich meine Oma gewähren.

Der Garten ist hinterm Haus, so dass sie nicht sehen konnte, was ich da trieb – um geradezu in Ohnmacht zu fallen, als sie die Bescherung sah. Denn ich hatte ihren ganzen Garten umgepflügt – dabei hatte sie gerade erst allerhand gesät.

„De gånze Årbeit umasunst!“, erzählte sie später immer wieder lachend. Lang hat sie es mir zum Glück nicht übelgenommen – und vermutlich war es auch nicht der ganze Garten, denn der war ziemlich groß.

Alles mögliche hat sie angebaut, Kräuter, viel Gemüse wie grünen Salat, Gurken oder Strankalan (Fisolen, grüne Bohnen, Anm.), nicht zu vergessen die obligaten Kohlrabi in weiß und blau. Als Kind war es für mich das Größte, wenn meine Oma von so einer frischen Kohlrabi ein Stück abschnitt und es mir zum Naschen gab – ich war keine Süße. Bis heute ist ein Gemüsegarten ohne Kohlrabi unvorstellbar für mich, bis heute ist es für mich ein riesiger Genuss, wenn ich in so eine wunderbar weiche Kohlrabi hineinbeiße.

Heute fängt man wieder an, sich damit zu beschäftigen, wie man Gemüse am besten haltbar macht. Meine Großmutter wusste das alles natürlich noch vom elterlichen Bauernhof. „Früher hat sie das Kraut im zweiten Stock aufgelegt“, erzählte mir meine Mutter. „Die Rohnen (rote Rüben, Anm.) hat sie in Erde eingegraben.“

Auch Blumen wurden selbstverständlich überwintert. Die Zimmer, in denen im Sommer die Gäste wohnten, waren voll mit Blumentrögen. Den Geruch, der von den Geranien und Nelken ausging, habe ich bis heute in der Nase. Tagetes wurden vorgezogen, und auch der Duft dieser Samen, die während des Sommers sorgfältig abgeklaubt wurden, ist für mich untrennbar mit meiner Oma verbunden.

Als es für sie zu beschwerlich wurde, haben wir damit aufgehört. Denn es galt ohnehin genügend andere Pflanzen zu überwintern: Der von unseren Gästen viel bewunderte Oleander, die Trompetenbäume, die Fuchsien und vieles mehr. So entschied meine Mutter, die Balkonblumen bei einem Gärtner zu kaufen. Auch der Gemüsegarten, der noch auf Selbstversorgung ausgerichtet war, schrumpfte. Mein Vater schaffte Hochbeete an, um meiner Mutter die Arbeit zu erleichtern.

Seitdem ich mehr Zeit am Weißensee verbringe, wächst nun der Garten wieder. Denn ein Haus ohne bewirtschafteten Garten ist für mich nicht nur unvorstellbar – mir gibt die Gartenarbeit auch unheimlich viel. Und nicht nur mir. Den grünen Daumen hat meine Großmutter an meine Mutter weitergegeben, und beide haben ihn an mich weitergereicht. Es gibt kaum etwas Schöneres, als zu sehen, wenn etwas wächst. Und wenn man mal Ärger oder Sorgen hat, ist Unkrautjäten eine super Beschäftigung, um sich abzulenken und bisweilen abzureagieren. Es ist eine unglaublich befriedigendes Gefühl, wenn man wirklich die ganze Wurzel einer Ochsenzunge erwischt.

So hilft mir die Gartenarbeit auch während dieser seltsamen Zeit der Ausgangssperre. Drinnen ziehe ich Gemüse und Tagetes vor – wer übrigens mit dem Gärntnern beginnen will und schnelle Ergebnisse braucht, dem sei Tagetes-Einsäen empfohlen. Ich konnte meinen Augen kaum glauben, als ich noch am gleichen Abend den ersten zarten, grünen Stängel sah – und erst recht nicht, als ich am nächsten Tag sah, dass ich mir das nicht nur eingebildet hatte, denn zu ihm hatten sich viele weitere gesellt. Inzwischen ist der Hausgarten angewachsen: Lupinen, Zucchini und Rohnen kamen als erstes zum Vorschein, dazu gesellten sich Tomaten, und heute habe ich auch die ersten Ansätze der Paprikapflanzen gesehen.

Nun heißt es, Geduld haben. Denn am See vor den Eisheiligen etwas einzupflanzen ist vergebene Liebesmüh. Gerade heute schneit es beispielsweise. Aber ein bisschen größer müssen die Setzlinge ohnehin noch werden, bevor sie in den Garten können. Bis dahin werde ich weiterhin jeden Tag bei meinen Schützlingen vorbeischauen und mich daran erfreuen, wenn wieder etwas weitergewachsen ist.

Noch auf sich warten lässt der Rittersporn, mal sehen, ob auch er noch aufgeht. Aber es sind nicht nur die eigenen Erfolge, über die ich mich freue. Irgendwie habe ich immer das Gefühl, dass mir die Oma über die Schultern schaut – und sich freut, dass auch mir das so viel Freude macht.

Nostalgie in Schwarz-Weiß

Ja, worüber könnte ich denn heute schreiben, grübelte ich. Ich starrte auf den Bildschirm und versuchte, einen von den vielen Gedanken einzufangen, die mir momentan so durch den Kopf schwirren. Ich kam mir vor wie jemand, der versucht, einen Fisch anzugreifen. Immer wieder flutschte er mir aus der Hand.  

Also sah ich mich um. Vielleicht würde ich ja irgendwo im Zimmer eine Inspiration finden. Tatsächlich landete mein Blick auf den alten Fotoalben, die ich von meiner Oma und meinem Vater geerbt habe. Also nichts wie reinblättern! So kam es, dass ich mich auf einem Spaziergang in die Vergangenheit wiederfand. Fasziniert betrachtete ich die vielen Bilder meiner Urgroßeltern und der Familie mütterlicherseits in Naggl.

Unter anderem fand ich eins, auf dem meine Uroma vor dem Brunnen zu sehen ist. Wie karg haben diese Menschen doch gelebt, denke ich mir immer wieder, wenn ich die Bilder sehe. Immerhin ist die Ecke vom See im Winter sehr schattig, so dass es früher ganz schön kalt gewesen sein muss. Zudem liegen die Felder am Hang, so dass ihre Bewirtschaftung sicherlich recht anstrengend war.

„Schau einmal, das Häferl“, hatte meine Mutter ausgerufen, als wir die Bilder nach dem Tod meiner Oma gemeinsam durchgesehen haben. Die Beschriftung „Marmelade“ auf dem Kübel ist auch bemerkenswert, denn meine Urgroßeltern haben schon früh an „Fremde“ vermietet, wie es damals hieß. Die damaligen Gäste kamen meist nicht nur mit Kind und Kegel, sondern auch mit Personal. Sie bewohnten nicht nur einzelne Zimmer, sondern fast ein ganzes Stockwerk. Und sie waren Selbstversorger.

Das ist übrigens meine Großmutter in jungen Jahren. Sie wohnt da offenbar noch zu Hause, denn in das Haus Waldfriede sind meine Großeltern mit meiner Mutter erst zu Beginn der 1950er Jahre eingezogen. Für heute muss ich an dieser Stelle Schluss machen, denn die Gedanken beginnen schon wieder davon zu laufen. Aber ich werde schon wieder einen einfangen. Bis bald.

Neustart und Rückblick

An sich hatte ich ja vor, die Weissenseestories auf eine völlig neue Basis zu stellen. Doch so einfach ist so etwas nicht, wenn man einen Blog mit so einer persönlichen Geschichte begonnen hat wie diesen hier im Januar 2017. Doch seither ist viel Zeit vergangen und in meinem Leben hat sich viel verändert. Inzwischen lebe ich Großteils hier am Weißensee und arbeite auch immer mehr hier.

Von daher wuchs in mir das Bedürfnis, die Weissenseestories dazu zu nutzen, Geschichten vom Weißensee zu erzählen und Bilder zu teilen. Das hätte bedeutet, dass ich die Weissenseestories neu hätte aufsetzen müssen, denn ich sah nicht, wie sich die bisherige Geschichte mit meinen neuen Plänen vereinbaren hätte sollen.

Mach was draus!

Und doch, mich reute die Vorstellung schon ordentlich, die ursprüngliche Idee zu Grabe zu tragen. Immerhin hatte es ja damit angefangen, dass ich die Pflege meines sterbenden Vaters hier schreibend verarbeiten wollte. Dazu eine kurze Rückblende zum Jahreswechsel 2016/2017. Mein Vater hatte Weihnachten im Krankenhaus verbracht und so sehr wir gehofft hatten und so sehr wir uns auch in Optimismus geübt hatten – wir mussten leider akzeptieren, dass er nun im Endstadium seiner Krebserkrankung angekommen war.

Also ließ ich in Wien alles liegen und stehen und kam zum See. Es waren schwierige Zeiten – und in eben solchen Zeiten hilft mir meistens eins: Schreiben. Doch darf man das? Also fragte ich meinen Vater vorsichtig, ob er damit einverstanden ist, dass ich darüber blogge. Zu meiner großen Verwunderung war er einverstanden – und gab mir einen Satz mit, der mir bis heute im Kopf rumschwirrt: „Ja. Mach was draus!“

Diese Aussage mag eigenartig klingen, vielleicht sogar eitel. Aber mein Vater hat in seinem Leben viel durchgemacht und auch als Familie haben wir schon einige schwierige Situationen erlebt. Unausgesprochen hatten wir schon die ganze Zeit eben diesen Satz verinnerlicht: mach was draus!

Sich Zeit geben

Denn so schwer so manche schwierige Phase im Leben auch sein mag – man lernt in den meisten Fällen etwas daraus. Nicht im Sinne von „was uns nicht umbringt, macht uns hart“. Nein, ganz im Gegenteil! Vielmehr im Sinne von: stelle Dich dem, was Du erlebt hast, arbeite es auf – und Du wirst jedenfalls viel über Dich selbst lernen. Was auch immer das konkret bedeutet. Denn für diesen Prozess gibt es kein Allgemeinrezept. Wobei, eins vielleicht schon: sich selbst Zeit geben.

Leider waren den Weissenseestories kein längeres Bestehen beschert. Ich hätte mir wirklich sehr gewünscht, dass mein Vater noch sehr viel länger gut hätte leben können. Dass ich die Seite länger und mit schönen Bildern und Geschichten aus diesem Naturparadies hätte füllen können. Leider kam es anders.

Geschichten erzählen

Zurück ins Heute: Wie nun die Weissenseestories neu gestalten, ohne einen Schlussstrich zu ziehen? So bitter es ist: die neue Herausforderung, vor die uns alle die Corona-Pandemie stellt, macht es mir nun möglich, die Brücke zu schlagen. Denn es ist erneut der Weißensee, der mir sehr viel Kraft gibt. Bislang ist mein Kopf so voll gewesen mit allen möglichen Gedanken, dass an Schreiben nicht zu denken war. Zu groß war das Durcheinander. Es ist immer noch da, aber so langsam merke ich, dass in mir das Bedürfnis wächst, es schreibend zu verarbeiten. Mehr als das: Geschichten vom und über den Weißensee zu erzählen.

Es wäre mir unendlich lieber gewesen, wenn ich den Blog auf völlig neue Beine hätte stellen müssen. Auch meinem Vater wäre es definitiv lieber, wenn wir nicht mit einer Pandemie zu kämpfen hätten. Aber so ist es nun leider. So halte ich mich an seinen Spruch und versuche, etwas draus zu machen. Von daher werde ich ab jetzt wieder öfter hier zu finden sein. Ich werde beschreiben, wie ich mit der Situation umgehe, reflektieren, was ich erlebe und in den Nachrichten höre, und ich werde erzählen, wie es so aussieht, dieses neue Leben, das ich nun hier am See führe. Ich würde mich sehr über Besuch freuen. Derweil viel Kraft und viele Grüße vom wunderbaren Weißensee.

Gedenken an die geliebte Oma

Heute wäre meine Großmutter 98 Jahre alt geworden. Sie war mein großer Anker, vor allem als zu meinem zehnten Lebensjahr mein Leben auf einmal sehr kompliziert wurde.
Damals nämlich zogen wir von Essen nach Wien, was für mich als Kind ohnehin schon schwer genug war. Denn ich musste meine Freundinnen zurücklassen, und ich musste vor allem ein Leben zurücklassen, das voller Freiheiten war.
Ich landete in einer Stadt, wo es nicht ganz so einfach war, einfach mal so draußen zu spielen. Und ich musste erst neue FreundInnen gewinnen, mit denen ich spielen konnte.
Da dieser Umzug zudem eine große Belastung für die Beziehung meiner Eltern war, war dies ein wirklich großer Umbruch in meinem Leben. Meine große Stütze war meine Großmutter, und sie ist bis bis an ihr Lebensende die große Konstante meines Lebens geblieben, auch wenn sie sich immer schwerer mit dem Leben tat, das ich geführt habe. Immer war sie in Sorge, ob ich denn ja nicht alleine war. Ob ich denn noch meinen Job habe und gut damit zurecht komme, denn Journalismus war für diese Frau, die am Bauernhof aufgewachsen war, ein Beruf weit jenseits ihrer Vorstellungskraft.
Dabei hatte sie selbst als Betreiberin einer Frühstückspension einen Beruf, der nicht unbedingt eine sichere Bank war. Doch trotz der vielen Ängste hat sie ihre Arbeit mit viel Liebe gemacht. Auf dem Foto ist sie vor dem Eingang unseres Hauses zu sehen, vor den Rosen, die sie mit so viel Liebe gepflegt hat. Es wärmt mir das Herz, wie mich diese beiden Frauen aus dem Foto anlachen, die mich und mein Leben so sehr geprägt haben.
Bei aller Traurigkeit, die ich empfinde, weil sie nicht mehr unter uns weilt: Ich bin sehr glücklich, dass ich sie so lange in meinem Leben haben durfte. Am Vorabend bevor sie starb, habe ich ihr gesagt: „Oma, Du darfst loslassen, die Mutti und ich kommen schon zurecht.“ Denn sie lag da schon schwer atmend im Krankenhaus und es war nicht klar, ob sie mich überhaupt noch wahrgenommen hat. Sie rang wahrlich mit dem Tod und hätte ihm so gern noch ein bisschen Zeit abgerungen – obwohl sie seit Jahrzehnten immer mehr darüber jammerte, dass sie immer noch lebte. Sie litt am meisten darunter, dass sie nicht mehr arbeiten konnte, dass sie anderen zur Last fiel, obwohl ihr Leben doch darauf ausgerichtet war, anderen zumindest den Urlaub so schön wie möglich zu machen. Und die meine Mutter und mich glücklich sehen wollte. 
Meine liebe Oma, ich hoffe, Du ruhst sanft bei Deinem geliebtem Mann, meinem Opa. Ich werde Euch immer liebevoll in meinem Herzen tragen. Und auch wenn die Mutti und ich danach durch noch schwerere Zeiten gehen mussten: wir schaffen es, uns immer wieder aufzurappeln.

Abschied von Möbeln mit Geschichte

Sie war eine sehr treue Begleiterin, diese Küche, die älter ist als ich, bestehend aus Teilen der ersten Küche meiner Eltern. Sie hatten sie in Aalen gekauft, von wo aus mein Vater zu Zeiss pendelte und wo meine Mutter als Übersetzerin arbeitete. Mit dem neuen Job meines Vaters an der neuen Gesamthochschule wanderte sie mit nach Essen, wo auch ich zur Familie dazu stieß. Dort zog sie einmal mit in jene Wohnung um, die mir immer noch in sehr schöner Erinnerung ist. Das liegt zwar weniger an der Küche, sondern vielmehr an der Nähe zum Baldeneysee und der großen Wohnsiedlung, in der ich mich so unheimlich frei bewegen durfte.

Doch zurück zur Küche: Für eine neue war die Zeit noch nicht gekommen, vielmehr erweiterte sie mein Vater um eine Platte, die meine Mutter nebenbei als Nähtisch verwendete und schätze.

Auch nach Wien zog sie mit, in der zweiten Wiener Wohnung allerdings wanderte sie in den Keller, wo sie von da an weiterhin gute Dienste leistete. Als für mich die Zeit gekommen war auszuziehen, durfte sie aus dem Keller wieder an die Oberfläche kommen – und hat mir Sage und Schreibe noch weitere 20 Jahre lang sehr gute Dienste geleistet.

Doch nun hat sie ihre Schuldigkeit getan, zeigte hie und da auch schon Alterserscheinungen, so dass sie nun in die verdiente Pension gehen darf. Ein wenig sentimental bin ich heute schon geworden, als ich beim Ausräumen daran dachte, wo mein Vater auch hier wieder überall Hand angelegt hat, um diesen Raum für mich schön und praktisch zu gestalten. Aber es ist Zeit für einen weiteren Abschied, wenn auch nur von Möbelstücken, aber auch diese haben nun einmal ihre Geschichte. Zugleich ist es Zeit für Neues, und auch das soll ja bekanntlich nichts Schlechtes sein.

Der erste Geburtstag ohne ihn

Er wäre heute 78 Jahre alt geworden. Es ist der erste Geburtstag, seitdem er gestorben ist und auch wenn wir diesen Tag nicht immer gemeinsam verbracht haben, so vermisse ich ihn heute natürlich sehr. Alles Gute zum Geburtstag, Papa!

Danke! Einfach nur danke!

Lange habe ich überlegt, ob ich das wirklich so schreiben soll. Denn will ich diese vielen lieben Geburtstagswünsche wirklich unter den Scheffel stellen, indem ich auf die Leere hinweise, die ich empfinde, weil zwei meiner liebsten Menschen, nämlich meine Oma und mein Vater, mir dieses Jahr nicht mehr gratulieren können?

Aber es hilft nun einmal alles nichts: der Tod dieser beiden Menschen riss ein riesiges Loch in mein Leben. Mag man sonst immer öfter darauf vergessen, bloß an einem solchen Tag wird es umso spürbarer. 

Ich würde gerne sagen, dass dieses Loch durch die vielen lieben Wünsche gestopft wurde. Doch das stimmt nicht, denn dieses Loch bleibt und das ist auch in Ordnung so, denn an anderen Stellen gibt es so viel Schönes, dass man den Verlust besser verkraften kann.

Deshalb: Ihr mir eine riesige Freude mit Euren Wünschen gemacht, bloß kullerten die Tränen umso mehr. Fast scheint es mir, als hätten die Tränen der Trauer auf diesen Moment gewartet, um gemeinsam mit den Tränen der Rührung den lang ersehnten Weg über meine Wangen zu finden. Weil das ok ist, während es doch „irgendwann Schluss sein muss“ mit der Trauer, wie mir kürzlich jemand sagte.

Die vielen lieben Wünsche haben mich wirklich überwältigt, so dass ich in der Tat sprachlos war. Nicht nur das: ich konnte sie mir bisher nicht einmal alle durchlesen – weil ich sie wirklich erst langsam sickern lassen kann. 

Bitte seht mir nach, dass ich erst jetzt reagiere. Das hat absolut nichts mit fehlender Dankbarkeit zu tun, ganz im Gegenteil: ich bin momentan einfach langsamer, weil da so viele Emotionen im Spiel sind. 

Umso mehr: danke euch allen für eure guten Wünsche, ihr habt mir ob on- oder offline so viel Freude, Licht und Liebe gebracht, dass ich sehr lange davon zehren werde. Ich freu mich sehr, dass ihr Teil meines Lebens seid, denn gebt mir Kraft, die ich dann auch wieder weitergeben kann. ❤️❤️❤️

Trost und Freude von so vielen Seiten

Haben wir nicht tolle Gäste? Es ist wirklich berührend, wie sehr viele von ihnen Teil an unserem Leben haben. Viele kannten meine Großmutter besser, als so manche FreundInnen von mir – kein Vorwurf, denn der Weissensee liegt ja nun nicht grad um die Ecke von Wien. 

Sogar Gäste aus der Nachbarschaft sprachen mich heuer mit den Worten an: „Es ist seltsam, dass sie nicht mehr da sitzt.“ Gemeint ist die Sitzgruppe vor dem Haus, wo meine Oma sehr gerne in jener Ecke saß, in der ihr prächtiger Oleander weiterhin steht. 

Auch meinen Vater kannten die meisten, und sie wissen um den Schmerz, den der Verlust dieser beiden Menschen für meine Mutter und mich bedeutet. Viel sprechen wir alle nicht darüber, aber das Mitgefühl ist spürbar. 

Ich erinnere mich noch gut, als die Gäste, die uns diesen wunderbaren Gruß an einem Baumkuchen mitbrachten, letztes Jahr da waren. Nicht nur weil ich es sehr genossen habe, dass sie da waren, weil ich mich gut mit ihnen unterhalten habe – sondern leider auch, weil mein Vater damals akut ins Krankenhaus musste. In einer solchen Situation den Gästen die Urlaubsfreuden nicht zu verderben, ist eine Sache. Die andere Sache ist es, wenn sie Anteil nehmen, ohne dass man ein schlechtes Gewissen haben muss – nein, sogar Trost empfindet. 

Nun sind diese Gäste wieder da und erfreuen uns mit einer solchen süßen Geste: Das ist so unheimlich berührend, genauso wie die vielen anderen Kleinigkeiten, die uns mitgebracht werden, und vor allem die Freundlichkeit und Anteilnahme, die uns auch Gäste zuteil werden lassen, die zum ersten Mal bei uns Urlaub machen. 

Momente wie diese sind einer der Gründe, weshalb ich die Vermietung am Weissensee für so lohnend halte. Freilich gibt es immer wieder Gäste, mit denen es nicht passt, für die es nicht passt. Aber so ist das nun einmal: wo es menschelt, menschelt es halt auch.

Doch es sind glücklicherweise Ausnahmen. Glücklicherweise haben wir viele Gäste, die über die Jahre immer wieder zu uns kommen, manche sogar jedes Jahr oder alle zwei Jahre. Immer wieder schauen sogar Gäste vorbei, die vor Jahren bei uns zu Gast waren, aber Unterkunft gewechselt haben, nachdem meine Mutter die Zimmer vor inzwischen 30 Jahren zu Ferienwohnungen umgebaut hatte. Wenn sie bei uns reinschauen, ist es, als würde Familie zu Besuch kommen. Fast so lange kennen sie uns ja auch. 

Dieser Sommer ist alles andere als leicht für mich. Nicht zuletzt, weil es meiner Mutter zwischendurch sehr schlecht ging – ja, sie sogar in jenes Krankenhaus eingeliefert wurde, in dem mein Vater seine letzten Tage verbrachte. Es hat mich entsprechend viel Kraft gekostet, den Teufel immer wieder von der Wand abzukratzen. Unsere Gäste waren dabei eine wirklich große Stütze: vielen, vielen Dank an alle!

Wenn man schon so etwas durchmachen muss, ist es einfach unheimlich tröstlich, so viele liebe Menschen um sich zu wissen, ob Verwandte, FreundInnen, NachbarInnen, Bekannte – oder eben Gäste.