Die Washington-Reise in tiny facebook-bits, 2/22

22. Februar 2017 – 21 Uhr 27 Ortszeit

Fotos von der Zeremonie gibt es noch nicht, aber eine liebe Freundin hat einen Screenshot gemacht, anbei außerdem die Medaille und die Urkunde. Gestern waren die Schleusen zum Glück nur kurz offen, heut könnt ich immer wieder heulen. Es war ein unheimlich schwerer Weg, und ich hoffe so sehr, dass ich meinem Vater diese beiden Schmuckstücke noch überreichen kann.

22. Februar 2017 – 17 Uhr 45 Ortszeit

Visiting Georgetown University, everything was very quiet until a bunch of young people in various groups passed by who obviously got a tour of the campus. Now it is very quiet again and I enjoy the atmosphere of this prestigious place. #washington

 

21. Februar 2017 – 17 Uhr 18 Ortszeit

Et voilà: die vier Co-Preisträger meines Vaters James G. Fujimoto, Eric Swanson (beide MIT), sein engster Kollege aus Wien Christoph Hitzenberger sowie David Huang. Er ist zwar nicht auf dem Bild, aber ich denke ihn mir dazu. #russprize2017 #washington

 

21. Februar 2017 – 17 Uhr 10 Ortszeit

Ach, das hätte meinem Vater gefallen, eine Preisverleihung in einem solch schönen Gebäude (National Academy of Sciences), wo er griechische Architektur so verehrt. #washington #russprize2017

Die zwei Frauen im Bild sind übrigens die Tochter von Co-Preisträger David Huang und die Frau von Co-Preisträger James G. Fujimoto.

 

Die Washington-Reise in tiny facebook-bits, 2/20 – 2/21

21. Februar 2017, 22 Uhr 49 Ortszeit*

Der Russ Prize ist übrigens die höchste Auszeichnung, die man als PhysikerIn in den USA bekommen kann. #soproudofmyfather #russprize2017

21. Februar 2017, 22 Uhr 43 Ortszeit

Was eine richtige US-Institution ist, hat natürlich auch eine Baseballkappe. Der Countdown läuft, in nicht einmal 4 Stunden beginnt die Preisverleihung. Livestream gehört natürlich heutzutage auch dazu.

21. Februar 2017, 18 Uhr 42 Ortszeit

Had a really nice evening yesterday and got to know very fine people. Miss my father a lot though, he deserves this honor so much and it is so sad that he cannot enjoy all of this. Doing my best to represent him. Whoever wishes to know what his accomplishment was that got him to win the prize: Wikipedia auf Deutsch;  Wikipedia in English #washington #russprize

 

20. Februar 2017, 00 Uhr Ortszeit

Koffer ist aufgegeben, Check-in erledigt, auch das Handgepäck ist vorbereitet: morgen kann es also losgehen. Nicht fehlen darf natürlich das kleine, wunderbare Eichkätzchen, das mir die liebe Marina Hö geschenkt hat. Es ist mir schön länger ein Anliegen, der süßen Kleinen einen Namen zu geben, jetzt habe ich mich entschieden: sie heißt Veverica, mein Tachmaukele!
Inspiriert wurde ich durch die unsägliche aktuelle Diskussion über die Kärntner Landesverfassung und der Bruch des Staatsvertrags, den diese meiner Ansicht nach bedeutet, und von Wultschger, Tschojen und anderen wunderbaren Kärntner Dialektworten, die in Wahrheit Slowenisch sind.

20. Februar 2017, 23 Uhr 25 Ortszeit

Going for a drink with Veverica.

 

 

 

 

 

 

20. Februar 2017, 23 Uhr 12 Ortszeit

So wird frau gerne begrüßt. #washington #naturtrost #russprize

 

 

 

 

 

* Datum und Uhrzeit des fb-Postings

Nach unheimlicher Verzweiflung unglaubliche Hoffnung

Als mein Vater vor einer Woche wieder ins Krankenhaus eingeliefert wurde, war ich wahrlich verzweifelt. Denn der Anlass war mehr als dramatisch. Noch dazu verschlechterte sich sein Zustand kurz darauf noch einmal auf eine Art und Weise, dass man selbst im Krankenhaus kaum noch ein oder aus wusste. Es folgten Tage des Bangens, denn man sagte uns, wir sollten ihn lieber in Ruhe lassen, die Zeit nutzen, um selbst wieder zu Kräften zu kommen. Leichter gesagt als getan, aber irgendwie haben wir es geschafft.

Wir haben geschlafen, sind Kleidung für die Preisverleihung kaufen gegangen, haben liebe Menschen getroffen oder mit ihnen telefoniert und irgendwie doch Kraft getankt, nicht zuletzt dank der vielen lieben Menschen, die uns zugehört haben, die uns Mut zugesprochen haben, die uns abgelenkt oder unterstützt haben, etwa indem sie meinem Vater Musik geliehen haben, die ihn offenbar sehr gut getan hat.

Und dann sind da noch die tollen Menschen im Lienzer Krankenhaus, die sich nicht nur unheimlich toll um ihn kümmern, sondern auch für uns ein offenes Ohr haben.

Gestern noch war mein ganzer Optimismus dann doch futsch. Mein Vater lag im Bett wie ein Häufchen Elend, ihn quälten Erinnerungen an seine Kindheit und es gelang mir gerade eben, ihn auf bessere Gedanken zu bringen, ihn wieder hoffen zu lassen.

Und doch ist gestern etwas passiert, das auch in mir wieder Hoffnung aufkommen ließ: meine Mutter erzählte mir – sie war vormittags bei ihm, ich nachmittags -, dass er vom 21. sprach. Dem 21. Februar. Das nämlich ist der Tag, an dem ihm der unglaubliche Russ-Prize verliehen wird, den ich an seiner Stelle entgegennehmen werde.

Wir hatten ja so ein Gefühl, dass er zumindest noch bis dahin durchhalten wird. Sein Arzt hielt dies noch vor zwei Tagen für unwahrscheinlich. Und doch scheint ihn das anzutreiben, obwohl er sicherlich momentan nicht weiß, welcher Tag heute ist. Und doch hat er offenbar ganz tief in seiner Seele abgespeichert, dass da noch was ist, das er unbedingt erleben möchte.

Was uns heute erwartete, damit hatte allerdings niemand gerechnet, auch seine wunderbare Krankenschwester hatte es nicht für möglich gehalten. Schon gestern hatte er sich aufgesetzt, ungefähr eine Stunde, nachdem ich weg war und noch beim Gehen noch pessimistisch meinte, dass er wohl eh nicht aufstehen würde. Sie erwiderte allerdings, dass sie nichts für unmöglich hält. Und doch war auch sie offensichtlich sehr davon überrascht.

In der Nacht ließ er sich anscheinend einen Kakao servieren, tagsüber saß er erneut auf, aß sogar ein bisschen was vom Mittagessen – und als wir bei ihm waren, war ich völlig perplex, seine vertraut starke Stimme zu hören. Nicht nur das, auf einmal kam sogar der Schelm in ihm zutage und wir haben so viel gemeinsam gelacht, dass er auf einmal anmerkte: Das hätt ich nicht gedacht, dass ich Besuch bekomme und wir so viel zum Lachen haben! Wir haben eine wirklich wunderbare Zeit miteinander verbracht.

Klar, hin und wieder wurde auch deutlich, dass er nicht völlig klar ist. Kein Wunder bei all den Medikamenten, die er bekommt Und dann ist da ja immer noch der Krebs, von dem niemand weiß, welche Stücke er spielt. Das herausfinden zu wollen, mag ein verständlicher Impuls sein. Meine Mutter und ich sind uns aber einig, dass wir ihn durch keine weiteren, anstrengenden Untersuchungen mehr schicken wollen, da es für ihn nur quälend und anstrengend wäre, ohne dass klar ist, nein, wo absehbar ist, dass seine Behandlung dadurch nicht verbessert  werden könnte.

Das einzusehen mag nicht leicht sein. Ich jedenfalls musste nicht lange darüber nachdenken, sobald ich mir anfing, die Tortur vorzustellen, die solche Untersuchungen schon für einen jungen Menschen darstellen. Denn ich habe mich als Studentin des öfteren als Probantin in solche Röhren gelegt, und es kam schon für mich einer Tortur gleich – bloß dass ich nicht krank war und zudem dafür bezahlt wurde.

Ich bitte um Verzeihung, dass ich mich bisweilen in meinen Gedanken verliere. Es ist wahrlich viel, das ich gerade erlebe, im positiven wie im negativen Sinn. Normalerweise hilft mir schreiben dabei, bloß dass ich damit momentan nicht nachkomme. Weil mir die Ruhe fehlt. Weil ich diese in so ereignisreichen Tagen oft erst spät in der Nacht finde, ich aber selbst da momentan nicht immer die Worte finde, die mir im Kopf rumsausen.

Alles nur ein Traum?

Eine Welt, in der die Oma nicht mehr lebt: So sehr sie absehbar war, so sehr ich ihr die Ruhe und den Frieden gönne, zumal sie sich schon so lang danach gesehnt hat – so wenig macht sie für mich Sinn. Und doch muss ich lernen, dies zu begreifen. 

Wie wenig mir dies gelingt, wie wenig dies in mein Unterbewusstsein vorgedrungen ist, zeigt ein Traum, den ich erst gestern geträumt habe. Darin tauchte die Oma wider Erwarten auf einmal auf, völlig selbstverständlich stand sie auf einmal im Raum. Sie sah gezeichnet aus, wie nach einer schweren Grippe. „Oh, geht´s Dir jetzt besser?“, erinnere ich mich sie lapidar fragen, so fassungslos ich war, dass sie nun einfach wieder da war. „Ja“, antwortet sie und setzte sich an den Tisch, um ein Joghurt zu essen. 

Wer mit mir im Raum war, weiß ich nicht mehr. Ich weiß nur noch, wie verwirrt wir alle waren. Und wie sehr ich mich freute, dass sie doch nicht tot ist. Dass die im Heim einen Fehler gemacht haben. Dass sie einfach nicht genau genug hingesehen und dabei übersehen haben, dass sie eigentlich nur krank war, aber nicht sterbenskrank. Dass es ihr nun wieder besser geht. Dass ich sie nun wieder umarmen kann.

Ich erinnere mich, dass ich mich fragte, was nun passieren würde, wie das nun gerade gerückt werden könnte. Vor allem aber erinnere ich mich daran, wie sehr ich mich freute – und dass ich Omas Hände in meine eigenen nahm, dass die Oma meine in ihre nahm, und wir unsere Hände ganz fest drückten. 

Doch dann war sie auf einmal weg. Leider, es war doch nur ein Traum. Und so sitze ich wieder da, blicke sie an, blicke das Foto an, auf dem sie so wissend und wohlwollend in die Kamera blickt. Doch ihr Ohrensessel ist leer. In ihr Bett werde ich demnächst schlüpfen und eine weitere Nacht allein in jenem Zimmer verbringen, in dem wir beide gemeinsam so lange gemeinsam geschlafen haben.

Das Doppelbett, in dem ich so viele Nächte bei ihr „ghuckt“ bin, in dem sie mir so oft „Zuckawosa“ zu trinken gegeben hat, weil ich wieder einmal nicht schlafen konnte. Das Zimmer, in dem ich von so vielen Fotos auf sie herabgelächelt habe – und die ich durch Fotos von ihr ausgetauscht habe, von denen sie nun mich anlächelt. Wie traurig, dass Fotos uns beide über die Trennung von der anderen weiter hinweg helfen müssen.  Wie traurig, dass ihre Fotos keine Hoffnung mehr auf ein baldiges Wiedersehen mehr in sich tragen. Wie schön aber, dass sie mich ihr weiterhin so nah fühlen lassen, auch wenn ich nur noch davon träumen kann, sie in Armen zu halten. (Aufgeschrieben am 6.7.2016)