Abschied von Möbeln mit Geschichte

Sie war eine sehr treue Begleiterin, diese Küche, die älter ist als ich, bestehend aus Teilen der ersten Küche meiner Eltern. Sie hatten sie in Aalen gekauft, von wo aus mein Vater zu Zeiss pendelte und wo meine Mutter als Übersetzerin arbeitete. Mit dem neuen Job meines Vaters an der neuen Gesamthochschule wanderte sie mit nach Essen, wo auch ich zur Familie dazu stieß. Dort zog sie einmal mit in jene Wohnung um, die mir immer noch in sehr schöner Erinnerung ist. Das liegt zwar weniger an der Küche, sondern vielmehr an der Nähe zum Baldeneysee und der großen Wohnsiedlung, in der ich mich so unheimlich frei bewegen durfte.

Doch zurück zur Küche: Für eine neue war die Zeit noch nicht gekommen, vielmehr erweiterte sie mein Vater um eine Platte, die meine Mutter nebenbei als Nähtisch verwendete und schätze.

Auch nach Wien zog sie mit, in der zweiten Wiener Wohnung allerdings wanderte sie in den Keller, wo sie von da an weiterhin gute Dienste leistete. Als für mich die Zeit gekommen war auszuziehen, durfte sie aus dem Keller wieder an die Oberfläche kommen – und hat mir Sage und Schreibe noch weitere 20 Jahre lang sehr gute Dienste geleistet.

Doch nun hat sie ihre Schuldigkeit getan, zeigte hie und da auch schon Alterserscheinungen, so dass sie nun in die verdiente Pension gehen darf. Ein wenig sentimental bin ich heute schon geworden, als ich beim Ausräumen daran dachte, wo mein Vater auch hier wieder überall Hand angelegt hat, um diesen Raum für mich schön und praktisch zu gestalten. Aber es ist Zeit für einen weiteren Abschied, wenn auch nur von Möbelstücken, aber auch diese haben nun einmal ihre Geschichte. Zugleich ist es Zeit für Neues, und auch das soll ja bekanntlich nichts Schlechtes sein.

Der erste Geburtstag ohne ihn

Er wäre heute 78 Jahre alt geworden. Es ist der erste Geburtstag, seitdem er gestorben ist und auch wenn wir diesen Tag nicht immer gemeinsam verbracht haben, so vermisse ich ihn heute natürlich sehr. Alles Gute zum Geburtstag, Papa!

Danke! Einfach nur danke!

Lange habe ich überlegt, ob ich das wirklich so schreiben soll. Denn will ich diese vielen lieben Geburtstagswünsche wirklich unter den Scheffel stellen, indem ich auf die Leere hinweise, die ich empfinde, weil zwei meiner liebsten Menschen, nämlich meine Oma und mein Vater, mir dieses Jahr nicht mehr gratulieren können?

Aber es hilft nun einmal alles nichts: der Tod dieser beiden Menschen riss ein riesiges Loch in mein Leben. Mag man sonst immer öfter darauf vergessen, bloß an einem solchen Tag wird es umso spürbarer. 

Ich würde gerne sagen, dass dieses Loch durch die vielen lieben Wünsche gestopft wurde. Doch das stimmt nicht, denn dieses Loch bleibt und das ist auch in Ordnung so, denn an anderen Stellen gibt es so viel Schönes, dass man den Verlust besser verkraften kann.

Deshalb: Ihr mir eine riesige Freude mit Euren Wünschen gemacht, bloß kullerten die Tränen umso mehr. Fast scheint es mir, als hätten die Tränen der Trauer auf diesen Moment gewartet, um gemeinsam mit den Tränen der Rührung den lang ersehnten Weg über meine Wangen zu finden. Weil das ok ist, während es doch „irgendwann Schluss sein muss“ mit der Trauer, wie mir kürzlich jemand sagte.

Die vielen lieben Wünsche haben mich wirklich überwältigt, so dass ich in der Tat sprachlos war. Nicht nur das: ich konnte sie mir bisher nicht einmal alle durchlesen – weil ich sie wirklich erst langsam sickern lassen kann. 

Bitte seht mir nach, dass ich erst jetzt reagiere. Das hat absolut nichts mit fehlender Dankbarkeit zu tun, ganz im Gegenteil: ich bin momentan einfach langsamer, weil da so viele Emotionen im Spiel sind. 

Umso mehr: danke euch allen für eure guten Wünsche, ihr habt mir ob on- oder offline so viel Freude, Licht und Liebe gebracht, dass ich sehr lange davon zehren werde. Ich freu mich sehr, dass ihr Teil meines Lebens seid, denn gebt mir Kraft, die ich dann auch wieder weitergeben kann. ❤️❤️❤️

Trost und Freude von so vielen Seiten

Haben wir nicht tolle Gäste? Es ist wirklich berührend, wie sehr viele von ihnen Teil an unserem Leben haben. Viele kannten meine Großmutter besser, als so manche FreundInnen von mir – kein Vorwurf, denn der Weissensee liegt ja nun nicht grad um die Ecke von Wien. 

Sogar Gäste aus der Nachbarschaft sprachen mich heuer mit den Worten an: „Es ist seltsam, dass sie nicht mehr da sitzt.“ Gemeint ist die Sitzgruppe vor dem Haus, wo meine Oma sehr gerne in jener Ecke saß, in der ihr prächtiger Oleander weiterhin steht. 

Auch meinen Vater kannten die meisten, und sie wissen um den Schmerz, den der Verlust dieser beiden Menschen für meine Mutter und mich bedeutet. Viel sprechen wir alle nicht darüber, aber das Mitgefühl ist spürbar. 

Ich erinnere mich noch gut, als die Gäste, die uns diesen wunderbaren Gruß an einem Baumkuchen mitbrachten, letztes Jahr da waren. Nicht nur weil ich es sehr genossen habe, dass sie da waren, weil ich mich gut mit ihnen unterhalten habe – sondern leider auch, weil mein Vater damals akut ins Krankenhaus musste. In einer solchen Situation den Gästen die Urlaubsfreuden nicht zu verderben, ist eine Sache. Die andere Sache ist es, wenn sie Anteil nehmen, ohne dass man ein schlechtes Gewissen haben muss – nein, sogar Trost empfindet. 

Nun sind diese Gäste wieder da und erfreuen uns mit einer solchen süßen Geste: Das ist so unheimlich berührend, genauso wie die vielen anderen Kleinigkeiten, die uns mitgebracht werden, und vor allem die Freundlichkeit und Anteilnahme, die uns auch Gäste zuteil werden lassen, die zum ersten Mal bei uns Urlaub machen. 

Momente wie diese sind einer der Gründe, weshalb ich die Vermietung am Weissensee für so lohnend halte. Freilich gibt es immer wieder Gäste, mit denen es nicht passt, für die es nicht passt. Aber so ist das nun einmal: wo es menschelt, menschelt es halt auch.

Doch es sind glücklicherweise Ausnahmen. Glücklicherweise haben wir viele Gäste, die über die Jahre immer wieder zu uns kommen, manche sogar jedes Jahr oder alle zwei Jahre. Immer wieder schauen sogar Gäste vorbei, die vor Jahren bei uns zu Gast waren, aber Unterkunft gewechselt haben, nachdem meine Mutter die Zimmer vor inzwischen 30 Jahren zu Ferienwohnungen umgebaut hatte. Wenn sie bei uns reinschauen, ist es, als würde Familie zu Besuch kommen. Fast so lange kennen sie uns ja auch. 

Dieser Sommer ist alles andere als leicht für mich. Nicht zuletzt, weil es meiner Mutter zwischendurch sehr schlecht ging – ja, sie sogar in jenes Krankenhaus eingeliefert wurde, in dem mein Vater seine letzten Tage verbrachte. Es hat mich entsprechend viel Kraft gekostet, den Teufel immer wieder von der Wand abzukratzen. Unsere Gäste waren dabei eine wirklich große Stütze: vielen, vielen Dank an alle!

Wenn man schon so etwas durchmachen muss, ist es einfach unheimlich tröstlich, so viele liebe Menschen um sich zu wissen, ob Verwandte, FreundInnen, NachbarInnen, Bekannte – oder eben Gäste. 

Gschrauft, glacht, gweint

Tochter eines Herrn Professor zu sein, kann eine bisweilen ob der Tonnen wissenschaftlicher Artikel fast in den Wahnsinn treiben. Mein geliebter Papa war noch dazu leidenschaftlicher Bastler, weshalb ich gefühlte 1.000 Schraufn gelockert habe, einige davon mit dankenswerter Hilfe von Ileana. Ich konnte mir einen Seitenhieb auf meine Mutter nicht verkneifen, denn mein lieber Opa hatte eine Leidenschaft für Nägel, 100er, um genau zu sein. 

Heute haben wir dann ein weiteres Mal zwei Autos vollgepackt und wieder einmal einen Riesenpatzen entsorgt. Es fühlt sich leichter an, weil das Haus nicht mehr von unten bis oben vollgestopft ist. In Wahrheit aber drückt nun die Trauer tonnenschwer auf mir. 

So lange man sich durch all die Sachen durchwühlt, schlägt sie natürlich auch immer wieder zu. Doch auf der einen Seite war ich umgeben von den Dingen, mit denen er sich beschäftigt hat. Immer wieder stieß ich dabei auf schöne Erinnerungen, immer wieder vergoss ich so einige Tränen. Auf der anderen Seite ist man beschäftigt, so dass man nicht so oft innehalten muss, nicht so oft nachdenken muss. Man kann den eigenen Unglauben darüber beiseite schieben, dass der geliebte Vater wirklich tot ist, dass ihn seine Krankheit in solch großen Schritten eingeholt hat – ihn, der immer wieder neuen Mut schöpfte, immer wieder neue Aufgaben fand, die ihn weiterkämpfen ließen, tapfer bis zum Schluss, immer noch den Schelm im Nacken, immer noch eine starke Persönlichkeit, bis auch diese entschwand.

Genau diese Gedanken kann man einigermaßen fern halten, so lange man wühlt und schraubt. Doch dann erwischt es eine wieder einmal. Ach, mein lieber Papa, wie gerne ich mit Dir reden würde, wie gern ich mit Dir lachen würde, wie gern ich mich von Deiner Präsenz trösten lassen würde. Doch Du bist nicht mehr da. Nur noch in Träumen, so wie heute Nacht, als wir miteinander gelacht haben und ich mir dachte: Dein Lachen, das will ich mir merken, denn es macht mich einfach glücklich. 

Danke, Internet!

Ach, wie ich das Internet liebe. Heute erreichte mich ein Beileidsschreiben eines ehemaligen Dissertanten meines Vaters aus dem Iran. Er ist eine der Personen, denen ich gerne geschrieben hätte, doch von denen ich leider keine Adresse hatte. Umso schöner finde ich es, dass wir nun dennoch zueinander gefunden haben.

Ich erinnere mich noch so gut an ihn und an ein gemeinsames Erlebnis. Mein Vater hatte mit mir einen Ausflug in die Wachau geplant und dazu seine zwei internationalen Dissertanten eingeladen, eine Chinesin und eben jenen Iraner. Auf dem Rückweg gerieten wir in einen solchen Hagel, dass uns allen ganz Angst und Bange wurde, so laut prasselten die Hagelkörner aufs Autodach ein, so verschwommen war alles durch den Regen, der auch auf uns niederging. 

Bis heute liebe ich meinen Vater dafür, dass er die beiden mitgenommen hat. Immerhin war auch ich einmal Auslandsstudentin und weiß von daher, wie schön es sein kann, mal ein Land nicht nur als Touristin zu erkunden, sondern gemeinsam mit Einheimischen. Umgekehrt habe ich so Menschen aus Ländern kennengelernt, in die ich bis heute nicht gereist bin. 

Zu seiner chinesischen Dissertantin habe ich leider weiterhin keinen Kontakt. Die Arme haben wir nach Kärnten mitgenommen – arm deshalb, weil sie das Autofahren durch die Berge absolut nicht vertrug. Entschädigt wurde sie hoffentlich zumindest dadurch, dass sie am Weißensee zum ersten Mal die Milchstraße erblickte. Jedenfalls war sie hin und weg ob dieses Anblicks. Ihr verdanke ich vor allem eines der schönsten Fotos von meinem Vater und mir. 

Zwar hat uns das Internet (noch?) nicht wieder zusammengebracht. Aber das ist ok, denn ich bin auch für die Erinnerungen allein dankbar, die nicht dadurch zum Leben erweckt werden müssen, dass wir tatsächlich miteinander kommunizieren. Es reicht ein Blick auf dieses Foto, das inzwischen über meinem Bett hängt, um diese und noch so viele weitere schöne Erinnerungen an meinen Vater wach werden zu lassen. Dennoch danke an das Internet, das so vieles leichter macht, danke Morteza für Deine lieben Worte! 

Viel zu viel zu viel

Zwei Monate ist es nun schon her. Es kommt mir vor wie eine halbe Ewigkeit, wenn ich daran denke, was seither alles passiert ist. In Wien zu sein, nimmt dem ein bisschen die Tragik, denn da war er in meinem Leben natürlich schon lange nicht mehr tagtäglich präsent. 

Doch dann kommt wieder so ein Moment, so wie am Sonntagabend: „Hallo Papa!“, hätte ich am Telefon gesagt. „Hallo Sonja. Na, da habe die Franzosen noch einmal die Kurve gekratzt“, hätte er vielleicht erwidert. 

Vielleicht hätte ich mit ihm besprochen, dass ich nun gern nach Frankreich fahren möchte. Vielleicht hätte er mich ermutigt, vielleicht hätte ich ihm sogar erzählt, wo ich überlege hinzufahren. Vielleicht. Vielleicht auch nicht, vielleicht ist das ja auch nur ein Wunschtraum von mir. 

Es gab heute einen Moment, als ich das Gefühl hatte, dass er sich mit Schnüren an mich angebunden hat. Dass ich nun diese Last mit mir herumtrage, dass sie mir das Leben schwer macht. So ganz falsch ist das Gefühl wohl nicht, denn immer noch trage ich die schweren Zeiten der Pflege mit mir herum. Immer wieder wieder tauchen Erinnerungsfetzen auf, so dass ich mich erst wieder fangen muss. Es wird wohl noch eine ganze Weile dauern, bis ich das alles verarbeitet habe.

Doch während ich noch an diese Schnüre dachte, die mich einzuschnüren drohen, musste ich daran denken, dass er es sicher nicht wollen würde, dass ich so empfinde. Also entschied ich mich, ihn einzuladen mich in meinem Leben zu begleiten. „Komm mit, Papa!“, sprach ich in Gedanken mit ihm. „Schau Dir an, was ich so mache“, lud ich ihn ein. Und auf einmal fühlte sich alles ein Stück weit leichter an. 

Leichter aber wird es wohl noch lange nicht werden. Denn ich beginne erst langsam zu realisieren, was alles passiert ist. Dazu kommen Tage, an denen ich mich zu nichts aufraffen kann und am liebsten in meinem warmen Bett „huckn tat“. Deshalb hab ich auch den Frankreich-Flug (noch?) nicht gebucht, denn mir ist gerade einfach viel zu viel zu viel. Bleibt mir nur die Hoffnung, dass die Zeit zumindest ein paar Wunden heilt.

Schmerzlinderung

Wenn mensch schon durch eine so harte Zeit gehen muss, dann ist es wunderschön, so liebe Verwandte, FreundInnen, NachbarInnen und viele andere liebe Menschen in seinem Leben zu haben.

Zwar kann nichts und niemand den Schmerz wegnehmen, dieser will langsam verdaut werden. Sehr wohl aber kann dieser gelindert werden – durch Zuhören, Zuspruch, Trost, Freude, miteinander Lachen, sich miteinander erinnern, an völlig andere Dinge denken und andere Geschichten hören.

Ich danke Euch allen! Ich habe zwar keinen blassen Schimmer, wie ich die nächsten zwei Tage überstehen werde. Zu wissen, dass ich so viele tolle Menschen sehen werde, nimmt mir aber immerhin ein wenig die Angst.

Herzerreißendes Ringen

Wie soll man über etwas schreiben, das man selbst kaum begreifen kann? Etwas, das eigentlich niemand lesen möchte, das sogar ein Tabu in der Gesellschaft ist? Nicht nur darüber schreiben, sondern auch noch öffentlich – ist das denn wirklich angemessen? Mag sein, dass es völlig unangemessen ist. Bloß halte ich all das nicht anders aus. 

Wie sehr hat sich mein Vater gefreut, als ich ihm die Auszeichnung überreicht habe. Fast schien es, als hätte er alle Energien für diesen Moment aufgespart. Hatte er die Tage davor hauptsächlich geschlafen, war er da auf einmal hellwach. Ich konnte ihm nicht nur die Medaille und die Urkunde übergeben, sondern ihm auch einige Fotos aus Washington zeigen. 

Er war sehr berührt von dem Foto, das ich von seinen Co-Preisträgern vor der Einstein-Statue als Gruß an ihn aufgenommen hatte. Er war beeindruckt vom wunderschönen Gebäude der Academy of Sciences, musste über einen schlechten Scherz von mir lachen, als ich ihm mein Selfie mit dem Weißen Haus im Hintergrund zeigte. 

Er scherzte mit uns und so schwach er da schon war: an der Medaille hielt er fest – ich wollte sie nicht im Krankenhaus lassen, sie für seinen Geschmack aber doch zu schnell wieder einpacken. Völlig zurecht genoss er es, sie in Händen halten zu können, wo er sie schon nicht selbst in Empfang nehmen konnte. 

Er freute sich über die vielen Grüße und Genesungswünsche, die man mir als Botin auf den Weg mitgegeben hatte. Kurzum: alle meine Sorgen und Ängste, ob ich ihm all das wohl noch überbringen würde können, lösten sich in Luft auf.

Seither ist viel passiert, auch wenn noch nicht viel Zeit vergangen ist. Unter anderem wurden wir von der tollen Würdigung in der Regionalzeitung Volltreffer überrascht, freuten uns über Besuche von FreundInnen und Verwandten und erhielten berührende Botschaften von ehemaligen Arbeitskollegen und Schulfreunden – und wir sind uns sicher, dass er all das auch wahrgenommen hat. 

Immer wieder hat er uns überrascht und noch viel mehr die Ärzte und Pflegerinnen. Denn immer wieder packte ihn die Sorge, dass er bald sterben könnte, immer wieder hielten es die Ärzte und Pflegerinnen für wahrscheinlich. Und doch trotzte er all diesen Befürchtungen immer wieder, so dass ihm einmal mehr viele Menschen Respekt zollten. 

Doch so viele Energien dieser Mann, mein Vater, auch aufbringen konnte und kann – nun scheinen sie ihm wirklich auszugehen. Nun hat die bisher intensivste Phase für uns begonnen. Diese ist weiterhin geprägt von Bangen und Hoffen, von den besten Wünschen für ihn und einer immer größer werdender Erschöpfung. 

Diese Phase ist vor allem deshalb so intensiv, weil man auf so vielen Ebenen gezwungen ist, abzuwägen und sich selbst zu hinterfragen: wünscht man ihm deshalb so sehr, dass er einschlafen kann, weil man ihm aus Empathie wünscht, dass er nicht mehr so viel kämpfen muss? Oder geht es um den eigenen Egoismus, darum, dass man Klarheit haben möchte, um selbst zur Ruhe kommen zu können? 

Wie ist das mit dem Kämpfen: bedeutet es für ihn nur Leid, weil er den Tod so sehr fürchtet? Oder ist es nicht schön, dass er selbst in dieser Situation offenbar immer noch zumindest einen Grund findet, um weiterhin am Leben zu bleiben? 

Ist es nicht schön, dass es ihm anscheinend Grund genug ist, dass er uns weiterhin sieht? Oder ist auch das nur egoistisches Wunschdenken? Sollen wir ihn weiterhin so viel wie möglich besuchen oder hindert ihn genau das daran, loszulassen? 

Würde ich nur auf mein Hirn hören, wäre ich schon lange verrückt geworden. Gerade jetzt versuche ich, in mein Herz zu hören, zu spüren, was ich tun möchte, und versuchen zu spüren, was er möchte. Das ist alles andere als leicht, denn leider kann er sich kaum noch artikulieren. Oft genug frage ich mich, ob das, was ich gerade getan habe, gut war, zu viel Grenzüberschreitung, oder vielleicht sogar zu wenig Nähe? Doch aucb was das betrifft, habe ich gelernt, auf mein Gefühl zu vertrauen – und zugleich ihm, da er natürlich weiterhin in der Lage ist, seinen Unmut im Falle des Falles zu äußern, und zwar sehr deutlich. 

Und doch bricht es mir immer wieder aufs Neue das Herz, ihn so zu sehen. Diesen tollen Mann, der mir so viel mitgegeben und ermöglicht hat. Von dem ich mich so oft unverstanden gefühlt und mich entsprechend an ihm gerieben habe. Mit dem ich gerade was Emotionen betrifft, so viel zu kämpfen hatte, der aber gerade in letzter Zeit in der Lage war, so viele Fassaden einzureißen, dass ich es bisweilen kaum glauben konnte. Den ich so sehr liebe, dass ich weder die Vorstellung aushalte, ihn gehen lassen zu müssen, noch den Gedanken, ihn weiterhin so kämpfen und ringen zu sehen. 

Was mich sehr tröstet ist die Tatsache, dass er keine Schmerzen hat und zudem einen immer friedlicheren Eindruck macht. Ach, Papa, es tut mir so leid, dass Du durch all das gehen musst! Dass Du viel zu früh gehen musst. Dass Du weiterhin so viel Gutes bewirken könntest, wenn Du Deine Forschung weiter betreiben könntest. Jetzt bleibt mir nur, Dir eine geruhsame Nacht zu wünschen. Was morgen kommt, wird sich zeigen. Ich liebe Dich jedenfalls sehr und bin Dir trotz aller Differenzen sehr dankbar für alles. ❤