Nach unheimlicher Verzweiflung unglaubliche Hoffnung

Als mein Vater vor einer Woche wieder ins Krankenhaus eingeliefert wurde, war ich wahrlich verzweifelt. Denn der Anlass war mehr als dramatisch. Noch dazu verschlechterte sich sein Zustand kurz darauf noch einmal auf eine Art und Weise, dass man selbst im Krankenhaus kaum noch ein oder aus wusste. Es folgten Tage des Bangens, denn man sagte uns, wir sollten ihn lieber in Ruhe lassen, die Zeit nutzen, um selbst wieder zu Kräften zu kommen. Leichter gesagt als getan, aber irgendwie haben wir es geschafft.

Wir haben geschlafen, sind Kleidung für die Preisverleihung kaufen gegangen, haben liebe Menschen getroffen oder mit ihnen telefoniert und irgendwie doch Kraft getankt, nicht zuletzt dank der vielen lieben Menschen, die uns zugehört haben, die uns Mut zugesprochen haben, die uns abgelenkt oder unterstützt haben, etwa indem sie meinem Vater Musik geliehen haben, die ihn offenbar sehr gut getan hat.

Und dann sind da noch die tollen Menschen im Lienzer Krankenhaus, die sich nicht nur unheimlich toll um ihn kümmern, sondern auch für uns ein offenes Ohr haben.

Gestern noch war mein ganzer Optimismus dann doch futsch. Mein Vater lag im Bett wie ein Häufchen Elend, ihn quälten Erinnerungen an seine Kindheit und es gelang mir gerade eben, ihn auf bessere Gedanken zu bringen, ihn wieder hoffen zu lassen.

Und doch ist gestern etwas passiert, das auch in mir wieder Hoffnung aufkommen ließ: meine Mutter erzählte mir – sie war vormittags bei ihm, ich nachmittags -, dass er vom 21. sprach. Dem 21. Februar. Das nämlich ist der Tag, an dem ihm der unglaubliche Russ-Prize verliehen wird, den ich an seiner Stelle entgegennehmen werde.

Wir hatten ja so ein Gefühl, dass er zumindest noch bis dahin durchhalten wird. Sein Arzt hielt dies noch vor zwei Tagen für unwahrscheinlich. Und doch scheint ihn das anzutreiben, obwohl er sicherlich momentan nicht weiß, welcher Tag heute ist. Und doch hat er offenbar ganz tief in seiner Seele abgespeichert, dass da noch was ist, das er unbedingt erleben möchte.

Was uns heute erwartete, damit hatte allerdings niemand gerechnet, auch seine wunderbare Krankenschwester hatte es nicht für möglich gehalten. Schon gestern hatte er sich aufgesetzt, ungefähr eine Stunde, nachdem ich weg war und noch beim Gehen noch pessimistisch meinte, dass er wohl eh nicht aufstehen würde. Sie erwiderte allerdings, dass sie nichts für unmöglich hält. Und doch war auch sie offensichtlich sehr davon überrascht.

In der Nacht ließ er sich anscheinend einen Kakao servieren, tagsüber saß er erneut auf, aß sogar ein bisschen was vom Mittagessen – und als wir bei ihm waren, war ich völlig perplex, seine vertraut starke Stimme zu hören. Nicht nur das, auf einmal kam sogar der Schelm in ihm zutage und wir haben so viel gemeinsam gelacht, dass er auf einmal anmerkte: Das hätt ich nicht gedacht, dass ich Besuch bekomme und wir so viel zum Lachen haben! Wir haben eine wirklich wunderbare Zeit miteinander verbracht.

Klar, hin und wieder wurde auch deutlich, dass er nicht völlig klar ist. Kein Wunder bei all den Medikamenten, die er bekommt Und dann ist da ja immer noch der Krebs, von dem niemand weiß, welche Stücke er spielt. Das herausfinden zu wollen, mag ein verständlicher Impuls sein. Meine Mutter und ich sind uns aber einig, dass wir ihn durch keine weiteren, anstrengenden Untersuchungen mehr schicken wollen, da es für ihn nur quälend und anstrengend wäre, ohne dass klar ist, nein, wo absehbar ist, dass seine Behandlung dadurch nicht verbessert  werden könnte.

Das einzusehen mag nicht leicht sein. Ich jedenfalls musste nicht lange darüber nachdenken, sobald ich mir anfing, die Tortur vorzustellen, die solche Untersuchungen schon für einen jungen Menschen darstellen. Denn ich habe mich als Studentin des öfteren als Probantin in solche Röhren gelegt, und es kam schon für mich einer Tortur gleich – bloß dass ich nicht krank war und zudem dafür bezahlt wurde.

Ich bitte um Verzeihung, dass ich mich bisweilen in meinen Gedanken verliere. Es ist wahrlich viel, das ich gerade erlebe, im positiven wie im negativen Sinn. Normalerweise hilft mir schreiben dabei, bloß dass ich damit momentan nicht nachkomme. Weil mir die Ruhe fehlt. Weil ich diese in so ereignisreichen Tagen oft erst spät in der Nacht finde, ich aber selbst da momentan nicht immer die Worte finde, die mir im Kopf rumsausen.

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