Sehen, riechen, genießen

Wenn man am Weißensee spazieren geht, kommt man nicht nur in den Genuss von allerlei wilden Naturschönheiten. Auch an Häusern und in Gärten kann man viele Blumen und Pflanzen bewundern. Gerade jetzt entdeckt man immer wieder etwas Neues, das aufblüht oder dessen grüne Blätter ans Licht drängen. Schon meine Großmutter hatte im Garten viele, viele Blumen. Dazu kam ein großer Gemüsegarten. Schon als ich Kind war, hat sie mich eingespannt, wenn es ums Umkrautjäten ging – Unkraut heißt im Übrigen „Jåt“ auf Kärnterisch. Nicht immer hat diese frühe Liebe, die ich zum Garten entwickelt habe, meiner Oma Freude bereitet. Als wir eines Tages nach der langen Fahrt von Essen am See ankamen, schnappte ich mir das „Kratzl“, also die Gartenkralle, und verschwand im Garten. Nichts ahnend ließ mich meine Oma gewähren.

Der Garten ist hinterm Haus, so dass sie nicht sehen konnte, was ich da trieb – um geradezu in Ohnmacht zu fallen, als sie die Bescherung sah. Denn ich hatte ihren ganzen Garten umgepflügt – dabei hatte sie gerade erst allerhand gesät.

„De gånze Årbeit umasunst!“, erzählte sie später immer wieder lachend. Lang hat sie es mir zum Glück nicht übelgenommen – und vermutlich war es auch nicht der ganze Garten, denn der war ziemlich groß.

Alles mögliche hat sie angebaut, Kräuter, viel Gemüse wie grünen Salat, Gurken oder Strankalan (Fisolen, grüne Bohnen, Anm.), nicht zu vergessen die obligaten Kohlrabi in weiß und blau. Als Kind war es für mich das Größte, wenn meine Oma von so einer frischen Kohlrabi ein Stück abschnitt und es mir zum Naschen gab – ich war keine Süße. Bis heute ist ein Gemüsegarten ohne Kohlrabi unvorstellbar für mich, bis heute ist es für mich ein riesiger Genuss, wenn ich in so eine wunderbar weiche Kohlrabi hineinbeiße.

Heute fängt man wieder an, sich damit zu beschäftigen, wie man Gemüse am besten haltbar macht. Meine Großmutter wusste das alles natürlich noch vom elterlichen Bauernhof. „Früher hat sie das Kraut im zweiten Stock aufgelegt“, erzählte mir meine Mutter. „Die Rohnen (rote Rüben, Anm.) hat sie in Erde eingegraben.“

Auch Blumen wurden selbstverständlich überwintert. Die Zimmer, in denen im Sommer die Gäste wohnten, waren voll mit Blumentrögen. Den Geruch, der von den Geranien und Nelken ausging, habe ich bis heute in der Nase. Tagetes wurden vorgezogen, und auch der Duft dieser Samen, die während des Sommers sorgfältig abgeklaubt wurden, ist für mich untrennbar mit meiner Oma verbunden.

Als es für sie zu beschwerlich wurde, haben wir damit aufgehört. Denn es galt ohnehin genügend andere Pflanzen zu überwintern: Der von unseren Gästen viel bewunderte Oleander, die Trompetenbäume, die Fuchsien und vieles mehr. So entschied meine Mutter, die Balkonblumen bei einem Gärtner zu kaufen. Auch der Gemüsegarten, der noch auf Selbstversorgung ausgerichtet war, schrumpfte. Mein Vater schaffte Hochbeete an, um meiner Mutter die Arbeit zu erleichtern.

Seitdem ich mehr Zeit am Weißensee verbringe, wächst nun der Garten wieder. Denn ein Haus ohne bewirtschafteten Garten ist für mich nicht nur unvorstellbar – mir gibt die Gartenarbeit auch unheimlich viel. Und nicht nur mir. Den grünen Daumen hat meine Großmutter an meine Mutter weitergegeben, und beide haben ihn an mich weitergereicht. Es gibt kaum etwas Schöneres, als zu sehen, wenn etwas wächst. Und wenn man mal Ärger oder Sorgen hat, ist Unkrautjäten eine super Beschäftigung, um sich abzulenken und bisweilen abzureagieren. Es ist eine unglaublich befriedigendes Gefühl, wenn man wirklich die ganze Wurzel einer Ochsenzunge erwischt.

So hilft mir die Gartenarbeit auch während dieser seltsamen Zeit der Ausgangssperre. Drinnen ziehe ich Gemüse und Tagetes vor – wer übrigens mit dem Gärntnern beginnen will und schnelle Ergebnisse braucht, dem sei Tagetes-Einsäen empfohlen. Ich konnte meinen Augen kaum glauben, als ich noch am gleichen Abend den ersten zarten, grünen Stängel sah – und erst recht nicht, als ich am nächsten Tag sah, dass ich mir das nicht nur eingebildet hatte, denn zu ihm hatten sich viele weitere gesellt. Inzwischen ist der Hausgarten angewachsen: Lupinen, Zucchini und Rohnen kamen als erstes zum Vorschein, dazu gesellten sich Tomaten, und heute habe ich auch die ersten Ansätze der Paprikapflanzen gesehen.

Nun heißt es, Geduld haben. Denn am See vor den Eisheiligen etwas einzupflanzen ist vergebene Liebesmüh. Gerade heute schneit es beispielsweise. Aber ein bisschen größer müssen die Setzlinge ohnehin noch werden, bevor sie in den Garten können. Bis dahin werde ich weiterhin jeden Tag bei meinen Schützlingen vorbeischauen und mich daran erfreuen, wenn wieder etwas weitergewachsen ist.

Noch auf sich warten lässt der Rittersporn, mal sehen, ob auch er noch aufgeht. Aber es sind nicht nur die eigenen Erfolge, über die ich mich freue. Irgendwie habe ich immer das Gefühl, dass mir die Oma über die Schultern schaut – und sich freut, dass auch mir das so viel Freude macht.

Neustart und Rückblick

An sich hatte ich ja vor, die Weissenseestories auf eine völlig neue Basis zu stellen. Doch so einfach ist so etwas nicht, wenn man einen Blog mit so einer persönlichen Geschichte begonnen hat wie diesen hier im Januar 2017. Doch seither ist viel Zeit vergangen und in meinem Leben hat sich viel verändert. Inzwischen lebe ich Großteils hier am Weißensee und arbeite auch immer mehr hier.

Von daher wuchs in mir das Bedürfnis, die Weissenseestories dazu zu nutzen, Geschichten vom Weißensee zu erzählen und Bilder zu teilen. Das hätte bedeutet, dass ich die Weissenseestories neu hätte aufsetzen müssen, denn ich sah nicht, wie sich die bisherige Geschichte mit meinen neuen Plänen vereinbaren hätte sollen.

Mach was draus!

Und doch, mich reute die Vorstellung schon ordentlich, die ursprüngliche Idee zu Grabe zu tragen. Immerhin hatte es ja damit angefangen, dass ich die Pflege meines sterbenden Vaters hier schreibend verarbeiten wollte. Dazu eine kurze Rückblende zum Jahreswechsel 2016/2017. Mein Vater hatte Weihnachten im Krankenhaus verbracht und so sehr wir gehofft hatten und so sehr wir uns auch in Optimismus geübt hatten – wir mussten leider akzeptieren, dass er nun im Endstadium seiner Krebserkrankung angekommen war.

Also ließ ich in Wien alles liegen und stehen und kam zum See. Es waren schwierige Zeiten – und in eben solchen Zeiten hilft mir meistens eins: Schreiben. Doch darf man das? Also fragte ich meinen Vater vorsichtig, ob er damit einverstanden ist, dass ich darüber blogge. Zu meiner großen Verwunderung war er einverstanden – und gab mir einen Satz mit, der mir bis heute im Kopf rumschwirrt: „Ja. Mach was draus!“

Diese Aussage mag eigenartig klingen, vielleicht sogar eitel. Aber mein Vater hat in seinem Leben viel durchgemacht und auch als Familie haben wir schon einige schwierige Situationen erlebt. Unausgesprochen hatten wir schon die ganze Zeit eben diesen Satz verinnerlicht: mach was draus!

Sich Zeit geben

Denn so schwer so manche schwierige Phase im Leben auch sein mag – man lernt in den meisten Fällen etwas daraus. Nicht im Sinne von „was uns nicht umbringt, macht uns hart“. Nein, ganz im Gegenteil! Vielmehr im Sinne von: stelle Dich dem, was Du erlebt hast, arbeite es auf – und Du wirst jedenfalls viel über Dich selbst lernen. Was auch immer das konkret bedeutet. Denn für diesen Prozess gibt es kein Allgemeinrezept. Wobei, eins vielleicht schon: sich selbst Zeit geben.

Leider waren den Weissenseestories kein längeres Bestehen beschert. Ich hätte mir wirklich sehr gewünscht, dass mein Vater noch sehr viel länger gut hätte leben können. Dass ich die Seite länger und mit schönen Bildern und Geschichten aus diesem Naturparadies hätte füllen können. Leider kam es anders.

Geschichten erzählen

Zurück ins Heute: Wie nun die Weissenseestories neu gestalten, ohne einen Schlussstrich zu ziehen? So bitter es ist: die neue Herausforderung, vor die uns alle die Corona-Pandemie stellt, macht es mir nun möglich, die Brücke zu schlagen. Denn es ist erneut der Weißensee, der mir sehr viel Kraft gibt. Bislang ist mein Kopf so voll gewesen mit allen möglichen Gedanken, dass an Schreiben nicht zu denken war. Zu groß war das Durcheinander. Es ist immer noch da, aber so langsam merke ich, dass in mir das Bedürfnis wächst, es schreibend zu verarbeiten. Mehr als das: Geschichten vom und über den Weißensee zu erzählen.

Es wäre mir unendlich lieber gewesen, wenn ich den Blog auf völlig neue Beine hätte stellen müssen. Auch meinem Vater wäre es definitiv lieber, wenn wir nicht mit einer Pandemie zu kämpfen hätten. Aber so ist es nun leider. So halte ich mich an seinen Spruch und versuche, etwas draus zu machen. Von daher werde ich ab jetzt wieder öfter hier zu finden sein. Ich werde beschreiben, wie ich mit der Situation umgehe, reflektieren, was ich erlebe und in den Nachrichten höre, und ich werde erzählen, wie es so aussieht, dieses neue Leben, das ich nun hier am See führe. Ich würde mich sehr über Besuch freuen. Derweil viel Kraft und viele Grüße vom wunderbaren Weißensee.