Nostalgie in Schwarz-Weiß

Ja, worüber könnte ich denn heute schreiben, grübelte ich. Ich starrte auf den Bildschirm und versuchte, einen von den vielen Gedanken einzufangen, die mir momentan so durch den Kopf schwirren. Ich kam mir vor wie jemand, der versucht, einen Fisch anzugreifen. Immer wieder flutschte er mir aus der Hand.  

Also sah ich mich um. Vielleicht würde ich ja irgendwo im Zimmer eine Inspiration finden. Tatsächlich landete mein Blick auf den alten Fotoalben, die ich von meiner Oma und meinem Vater geerbt habe. Also nichts wie reinblättern! So kam es, dass ich mich auf einem Spaziergang in die Vergangenheit wiederfand. Fasziniert betrachtete ich die vielen Bilder meiner Urgroßeltern und der Familie mütterlicherseits in Naggl.

Unter anderem fand ich eins, auf dem meine Uroma vor dem Brunnen zu sehen ist. Wie karg haben diese Menschen doch gelebt, denke ich mir immer wieder, wenn ich die Bilder sehe. Immerhin ist die Ecke vom See im Winter sehr schattig, so dass es früher ganz schön kalt gewesen sein muss. Zudem liegen die Felder am Hang, so dass ihre Bewirtschaftung sicherlich recht anstrengend war.

„Schau einmal, das Häferl“, hatte meine Mutter ausgerufen, als wir die Bilder nach dem Tod meiner Oma gemeinsam durchgesehen haben. Die Beschriftung „Marmelade“ auf dem Kübel ist auch bemerkenswert, denn meine Urgroßeltern haben schon früh an „Fremde“ vermietet, wie es damals hieß. Die damaligen Gäste kamen meist nicht nur mit Kind und Kegel, sondern auch mit Personal. Sie bewohnten nicht nur einzelne Zimmer, sondern fast ein ganzes Stockwerk. Und sie waren Selbstversorger.

Das ist übrigens meine Großmutter in jungen Jahren. Sie wohnt da offenbar noch zu Hause, denn in das Haus Waldfriede sind meine Großeltern mit meiner Mutter erst zu Beginn der 1950er Jahre eingezogen. Für heute muss ich an dieser Stelle Schluss machen, denn die Gedanken beginnen schon wieder davon zu laufen. Aber ich werde schon wieder einen einfangen. Bis bald.

Neustart und Rückblick

An sich hatte ich ja vor, die Weissenseestories auf eine völlig neue Basis zu stellen. Doch so einfach ist so etwas nicht, wenn man einen Blog mit so einer persönlichen Geschichte begonnen hat wie diesen hier im Januar 2017. Doch seither ist viel Zeit vergangen und in meinem Leben hat sich viel verändert. Inzwischen lebe ich Großteils hier am Weißensee und arbeite auch immer mehr hier.

Von daher wuchs in mir das Bedürfnis, die Weissenseestories dazu zu nutzen, Geschichten vom Weißensee zu erzählen und Bilder zu teilen. Das hätte bedeutet, dass ich die Weissenseestories neu hätte aufsetzen müssen, denn ich sah nicht, wie sich die bisherige Geschichte mit meinen neuen Plänen vereinbaren hätte sollen.

Mach was draus!

Und doch, mich reute die Vorstellung schon ordentlich, die ursprüngliche Idee zu Grabe zu tragen. Immerhin hatte es ja damit angefangen, dass ich die Pflege meines sterbenden Vaters hier schreibend verarbeiten wollte. Dazu eine kurze Rückblende zum Jahreswechsel 2016/2017. Mein Vater hatte Weihnachten im Krankenhaus verbracht und so sehr wir gehofft hatten und so sehr wir uns auch in Optimismus geübt hatten – wir mussten leider akzeptieren, dass er nun im Endstadium seiner Krebserkrankung angekommen war.

Also ließ ich in Wien alles liegen und stehen und kam zum See. Es waren schwierige Zeiten – und in eben solchen Zeiten hilft mir meistens eins: Schreiben. Doch darf man das? Also fragte ich meinen Vater vorsichtig, ob er damit einverstanden ist, dass ich darüber blogge. Zu meiner großen Verwunderung war er einverstanden – und gab mir einen Satz mit, der mir bis heute im Kopf rumschwirrt: „Ja. Mach was draus!“

Diese Aussage mag eigenartig klingen, vielleicht sogar eitel. Aber mein Vater hat in seinem Leben viel durchgemacht und auch als Familie haben wir schon einige schwierige Situationen erlebt. Unausgesprochen hatten wir schon die ganze Zeit eben diesen Satz verinnerlicht: mach was draus!

Sich Zeit geben

Denn so schwer so manche schwierige Phase im Leben auch sein mag – man lernt in den meisten Fällen etwas daraus. Nicht im Sinne von „was uns nicht umbringt, macht uns hart“. Nein, ganz im Gegenteil! Vielmehr im Sinne von: stelle Dich dem, was Du erlebt hast, arbeite es auf – und Du wirst jedenfalls viel über Dich selbst lernen. Was auch immer das konkret bedeutet. Denn für diesen Prozess gibt es kein Allgemeinrezept. Wobei, eins vielleicht schon: sich selbst Zeit geben.

Leider waren den Weissenseestories kein längeres Bestehen beschert. Ich hätte mir wirklich sehr gewünscht, dass mein Vater noch sehr viel länger gut hätte leben können. Dass ich die Seite länger und mit schönen Bildern und Geschichten aus diesem Naturparadies hätte füllen können. Leider kam es anders.

Geschichten erzählen

Zurück ins Heute: Wie nun die Weissenseestories neu gestalten, ohne einen Schlussstrich zu ziehen? So bitter es ist: die neue Herausforderung, vor die uns alle die Corona-Pandemie stellt, macht es mir nun möglich, die Brücke zu schlagen. Denn es ist erneut der Weißensee, der mir sehr viel Kraft gibt. Bislang ist mein Kopf so voll gewesen mit allen möglichen Gedanken, dass an Schreiben nicht zu denken war. Zu groß war das Durcheinander. Es ist immer noch da, aber so langsam merke ich, dass in mir das Bedürfnis wächst, es schreibend zu verarbeiten. Mehr als das: Geschichten vom und über den Weißensee zu erzählen.

Es wäre mir unendlich lieber gewesen, wenn ich den Blog auf völlig neue Beine hätte stellen müssen. Auch meinem Vater wäre es definitiv lieber, wenn wir nicht mit einer Pandemie zu kämpfen hätten. Aber so ist es nun leider. So halte ich mich an seinen Spruch und versuche, etwas draus zu machen. Von daher werde ich ab jetzt wieder öfter hier zu finden sein. Ich werde beschreiben, wie ich mit der Situation umgehe, reflektieren, was ich erlebe und in den Nachrichten höre, und ich werde erzählen, wie es so aussieht, dieses neue Leben, das ich nun hier am See führe. Ich würde mich sehr über Besuch freuen. Derweil viel Kraft und viele Grüße vom wunderbaren Weißensee.