Hin- und hergerissen

„Glaubst Du eigentlich?“, fragte mich kürzlich mein Vater. „Wie meinst du das? Bzw. woran?“, fragte ich zurück, weil ich mir nicht so sicher war, welche Richtung die Diskussion nun nehmen würde. Zwar habe ich mit meinem Vater immer wieder über Religion gesprochen, der Zugang aber war theoretisch – er ist ja nicht umsonst Wissenschaftler.  Deshalb haben wir auch noch nie darüber gesprochen, welchen Bezug wir selbst zur Religion haben, von philosophischen Fragen abgesehen.

Vermutlich ist das auch der Grund, warum es ihm zunächst nicht leicht fiel, seine Gedanken in Worte zu fassen. Dazu kommt, dass seine Erinnerung an die letzten Woche aufgrund der Medikamente bisweilen etwas chaotisch ist. „Dass zu Weihnachten das Konzert in der Elbphilharmonie war“, sagte er. Die zeitliche Zuordnung ist zwar falsch, doch es war in der Tat ein Zufall, dass es ihm bei der Eröffnung der Elbphilharmonie schon wieder so gut ging, dass er sich die TV-Übertragung tatsächlich mit uns ansehen konnte. Wie sehr er das genoss, wie sehr er aufblühte: Das hat mich unheimlich berührt.

Schwerer fiel es ihm, einen anderen Gedanken zu formulieren: Dass es ein wahrlich grandioser Zufall ist, dass ich derzeit einen Job habe, der es mir ermöglicht, viel Zeit bei und mit ihm zu verbringen – und doch weiter meiner Arbeit nachzugehen.

Es ist schon eine Weile her, als zwei Vertreterinnen des mobilen Palliativteams Kärnten bei uns zu Besuch waren – noch so ein Zufall, dass wir in einem Land leben, in dem eine so tolle Begleitung durch diese schwere Zeit dazu gehört. Die Ärztin fragte mich, ob es mir möglich ist, Pflegeurlaub zu nehmen. Da ich selbständig bin, kann ich das zwar leider nicht. Zugleich bin ich unheimlich froh, dass ich weiter arbeiten kann. Denn so schwer es bisweilen war, mich freizustrampeln: Es hat sich für mich gelohnt.

Die mindestens so Herausforderung in einer solchen Situation ist es nämlich, sich selbst nicht zu verlieren. Denn es ist wirklich sehr verführerisch: Aufgrund der Krankheit lässt mein Vater so manche Schranken fallen, weshalb ich ihm auf einmal so nahe sein kann, wie ich es nie für möglich gehalten häte. Wie gesagt, er ist eben ein Wissenschaftler – mehr noch: ein Naturwissenschaftler. Deshalb hat er sich auch mit Emotionen immer sehr schwer getan, zumindest so weit ich zurückdenken kann. Dass dem nicht immer so war, das beweist meine Existenz – und diese Sicherheit nehme ich aus vielen Geschichten meiner Mutter, aber auch aus Fotos und sogar Filmen, die es aus meinen Kindheitstagen gibt, die nur jemand einfangen kann, der eine tiefe Zuneigung für die gefilmten Personen empfindet.

Dass er sich mit Gefühlen schwer tat und immer noch tut, das liegt sicher auch an seinem schwierigen Lebensweg. Umso mehr genieße ich diese Nähe, die er nun endlich zulässt, genieße die Momente, in denen er mich in sein tiefstes Inneres blicken lässt. Oder um es in den Worten einer sehr guten Freundin auszudrücken: Ich genieße die Vater-Tochter-Quality-Time, die über so viele Jahre gefehlt hat.

Und doch lauert darin eine große Gefahr in Form des HelferInnen- und RetterInnensyndroms. Ich kann es unheimlich gut nachvollziehen, dass man bzw. meist frau ihr ganzes Leben dem widmet, die andere, kranke Person möglichst gut zu versorgen, zu unterhalten, ihr möglichst jeden Schmerz zu nehmen, um in der kurzen Zeit noch möglichst viel Zuneigung genießen zu können – letztlich um dieser Person einfach noch so lange und so nahe wie möglich zu sein. So nachvollziehbar das ist, so sehr kann es eine Selbstaufopferung sein.

Im Moment ist mein Vater leider wieder im Krankenhaus, dem vorangegangen sind große Krisen, die meine Mutter und mich immer hilfloser werden ließen. „Das geht über unsere Kräfte hinaus“: Diesen Satz sprachen wir immer öfter offen aus – ohne jedoch einen Ausweg zu finden. Ich bin versucht zu sagen, dass ihn mein Vater geradezu erzwungen hat. Rückblickend frage ich mich, ob wir die Signale nicht früher erkennen hätten müssen. Ob wir nicht früher mehr professionelle Unterstützung in Anspruch hätten nehmen sollen.

Doch welchen Regeln soll man denn folgen, wenn allein schon eine Krebserkrankung keine Regeln hat außer jener, dass es keine gibt? Wenn jeder Tag anders sein kann – und man daraus immer und immer wieder Hoffnung schöpft, denn so schlimm es heute ist, so gut kann es am nächsten Tag sein? 

Ich bin jedenfalls froh, dass sowohl meine Mutter als auch unsere treue Seele Ileana (die schon meine Oma gepflegt hat und nun meinen Vater pflegt) so wie ich trotz allem weiterhin optimistisch und kämpferisch bleiben.

Erneut kann man sich aber allzu sehr an den Optimismus und den Kampfgeist festklammern – und dabei auf sich selbst vergessen. Warum das problematisch ist? Einerseits, weil einer klarerweise irgendwann die Kräfte ausgehen. Andererseits, weil man die kranke Person nicht mehr als handelnde Person wahrnimmt bzw. Gefahr läuft, sie zu enmündigen. 

Denn eine kranke Person ist in unserer Wahrnehmung arm und man sollte alles dransetzen, um sie von ihrem Leid zu erlösen. Oder? Nein, auch wer krank ist, ist immer noch ein Mensch und kann bzw. will immer noch Entscheidungen über sein/ihr Leben treffen. Es kann die Person geradewegs in die Krise führen, wenn man allzu viel an ihrer Stelle zu entscheiden meint.

Es braucht unheimlich viel Feingefühl, um herauszufinden, worum es dem kranken Menschen geht. Um herauszufinden, ob die Person einfach nur einen Rappel hat oder ob sich hinter dem Rappel ein ernstzunehmendes Anliegen verbirgt. So ist man also immer wieder hin- und hergerissen, weil man doch nur eines möchte: Dass es der kranken Person besser gehen möge.

Woran glaube ich also? Ich persönlich halte mich an Paul Auster und die von ihm so virtuos beschriebene Kraft des Zufalls. Mein Vater meinte mehr fragend denn überzeugt glaubend: Es ist schon verständlich, dass man da an die lenkende Hand Gottes glaubt. Woran auch immer es liegt: Ich bin dankbar, über die gute Zeiten, die wir zuletzt miteinander verbringen durften.

Nun steht die nächste Herausforderung bevor, nämlich die USA-Reise anzutreten, während nicht klar ist, wie es mit meinem Vater weitergeht. Ich weiß, dass er nicht nur damit einverstanden, sondern geradezu davon begeistert war, dass ich ihn vertrete. Auch war er damit einverstanden, dass ich die Gelegenheit nutze, meine ehemaligen Wiener NachbarInnen in New York zu besuchen. Und doch fühlt es sich sehr, sehr seltsam an, dass ich die Reise zur Preisverleihung nun alleine antrete und nicht mit meinem Vater und meiner Mutter gemeinsam.

Meine nächste Herausforderung wird also darin bestehen, es auszuhalten, nicht in der Nähe meines Vaters zu sein. Ich versuche mich an letztes Jahr zu erinnern, als es meiner heißgeliebten Oma schlechter ging – und ich mich oft genug gefragt habe, ob ich meinen Auslandsaufenfthalt nicht lieber abbrechen sollte. Und doch war es gut, dass ich mein Leben weitergelebt habe, denn ich konnte dennoch sehr viel Zeit mit ihr verbringen – vieles davon war unheimlich schmerzhaft, vieles aber sehr versöhnlich für mich.

Momentan hören sich die Berichte über den Gesundheitszustand meines Vaters sehr seltsam an, leider hatte er bisher keinen Platz auf der Palliativmedizin. Vielleicht aber liegt er sogar schon dort. Ich wünsche es ihm, denn die zwei Schwestern, die dann für ihn verantwortlich sind, sind wahrlich zwei tolle Frauen. 

Ach, Papa, ich wünsche Dir so sehr, dass du dich erholen kannst. Nein, keine Sorge, wenn Du gehen möchtest, dann fällt es mir zwar unheimlich schwer, aber Dein Frieden ist mir allemal wichtiger.

Ja, wenn Du weiter auf dieser Welt bleiben möchtest, werde ich alles tun, um Dir beiseite zu stehen und dich zu unterstützten. Du wirst bisweilen Geduld brauchen, denn ich werde Dich nicht immer in Deinen Plänen unterstützen können. Aber ich werde mein bestes geben.

Dickes Bussi
Deine Tochter Sonja

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