Viel zu viel zu viel

Zwei Monate ist es nun schon her. Es kommt mir vor wie eine halbe Ewigkeit, wenn ich daran denke, was seither alles passiert ist. In Wien zu sein, nimmt dem ein bisschen die Tragik, denn da war er in meinem Leben natürlich schon lange nicht mehr tagtäglich präsent. 

Doch dann kommt wieder so ein Moment, so wie am Sonntagabend: „Hallo Papa!“, hätte ich am Telefon gesagt. „Hallo Sonja. Na, da habe die Franzosen noch einmal die Kurve gekratzt“, hätte er vielleicht erwidert. 

Vielleicht hätte ich mit ihm besprochen, dass ich nun gern nach Frankreich fahren möchte. Vielleicht hätte er mich ermutigt, vielleicht hätte ich ihm sogar erzählt, wo ich überlege hinzufahren. Vielleicht. Vielleicht auch nicht, vielleicht ist das ja auch nur ein Wunschtraum von mir. 

Es gab heute einen Moment, als ich das Gefühl hatte, dass er sich mit Schnüren an mich angebunden hat. Dass ich nun diese Last mit mir herumtrage, dass sie mir das Leben schwer macht. So ganz falsch ist das Gefühl wohl nicht, denn immer noch trage ich die schweren Zeiten der Pflege mit mir herum. Immer wieder wieder tauchen Erinnerungsfetzen auf, so dass ich mich erst wieder fangen muss. Es wird wohl noch eine ganze Weile dauern, bis ich das alles verarbeitet habe.

Doch während ich noch an diese Schnüre dachte, die mich einzuschnüren drohen, musste ich daran denken, dass er es sicher nicht wollen würde, dass ich so empfinde. Also entschied ich mich, ihn einzuladen mich in meinem Leben zu begleiten. „Komm mit, Papa!“, sprach ich in Gedanken mit ihm. „Schau Dir an, was ich so mache“, lud ich ihn ein. Und auf einmal fühlte sich alles ein Stück weit leichter an. 

Leichter aber wird es wohl noch lange nicht werden. Denn ich beginne erst langsam zu realisieren, was alles passiert ist. Dazu kommen Tage, an denen ich mich zu nichts aufraffen kann und am liebsten in meinem warmen Bett „huckn tat“. Deshalb hab ich auch den Frankreich-Flug (noch?) nicht gebucht, denn mir ist gerade einfach viel zu viel zu viel. Bleibt mir nur die Hoffnung, dass die Zeit zumindest ein paar Wunden heilt.

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